Martin Haller
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Die Geschichte Unserer Ponys

Aufgrund der Erkenntnis Charles Darwins und anderer Wissenschaftler, dass sich alle Lebewesen auf dem Wege der natürlichen Selektion ständig ihren veränderlichen Umweltbedingungen anpassen, ist anzunehmen, dass vier Urpferdetypen (I bis IV) innerhalb ihres riesigen Verbreitungsgebietes unterschiedliche Lokalformen hervorbrachten. Für unser Thema sind besonders die beiden Ponytypen I und II interessant, da man mit Sicherheit sagen kann, dass sie auf den Britischen Inseln vorkamen; für beide ist dies durch Knochenfunde bewiesen, doch Typ II mag eine geringere Rolle für die heutigen Ponys gespielt haben.

Typ I (Nordwesteuropäisches Pony)
Ein lebhaftes, intelligentes Pony von rund 110 bis 130 cm Stockmaß. Breiter, gerader Kopf mit kleinen Ohren, kräftigen Kiefern und stark ausgeprägten Augenbögen. Kräftiger Hals, wenig ausgeprägter Widerrist, tonniger Rumpf. Stämmige Beine mit harten, eher kleinen Hufen. Kräftige Bemuskelung und Neigung zum Fettansatz. Üppiges Langhaar, dichte Doppelmähne, Ponyglocke am Schweifansatz, sowie wasser- und kälteabweisendes Fell. Beheimatet vor allem im Nordwesten und Westen Europas (aber auch in anderen Regionen), daher unempfindlich gegen Nässe und Wind; Zugwild mit jahreszeitlichen Wanderungen; besonders ausdauernd im Trab. Farben: Falb und Torfbraun.

Typ II (Tundren- und Waldpony)
Ein phlegmatisches Tier im Typ eines großen, kräftigen Ponys von rund 130 bis 150 cm Stockmaß. Großer, derber Kopf mit sehr kräftigen Kiefern und Ramsnase. Kurzer Hals, steile Schultern und sehr breiter, tiefer Rumpf. Vermutlich flacher Widerrist und abgeschlagene Kruppe. Die sehr kräftigen Beine wiesen etwas Kötenbehang und eher große, flache Hufe auf. Überwiegend Stehmähne und bürstenartige Schweifwurzel. Langes und dichtes Winterfell. In ganz Nordeuropa und Nordasien beheimatet, allerdings vornehmlich in Tundren- und Waldregionen; Standwild. Extrem genügsam, kälteunempfindlich und bedächtig; Schrittpferd. Farben: wahrscheinlich Falb, Braun und möglicherweise Schwarz.

Man nimmt an, dass die urtümlichen Exmoor Ponys die unmittelbaren Nachfahren, bzw. der letzte Rest einer autochthonen britischen Wildpferde-Population sind. Diese – von der englischen Zoologin Dr. Sue Baker als British Hill Pony bezeichneten Tiere – sind wahrscheinlich Nachfahren der „echten Wildpferde“ vom Typ I, welche über die Bering-Straße vom amerikanischen Kontinent her auf die eurasische Landmasse einwanderten und sich in ganz Nordwesteuropa heimisch machten.

Die alten Handelsbeziehungen zwischen Spanien und Britannien sind erwiesen. Sie erstreckten sich über einen langen Zeitraum und waren ab der Kupferzeit intensiver als gemeinhin angenommen wird. Schon damals könnten also iberische Haustiere, auch Pferde, auf die britischen Inseln gelangt sein und die örtlichen Ponys beeinflusst haben. Durch die spätere Einwanderung keltischer Stämme nach Spanien entwickelte sich die keltisch-iberische Kultur, welche über rege Handelsbeziehungen erneut kräftige Impulse nach Britannien ausschickte. Die Kelten verwendeten ihre kleinen, mitunter orientalisierten Ponys zum Ziehen der Streit- und Transportwagen, als Packtiere und später etwas größere Varianten auch zum Reiten. Zahlreiche Grabbeigaben, wie Streitwägen, Geschirre, Trensen, ja sogar ganze Pferdeleichen, bezeugen den außerordentlich hohen Stellenwert des Pferdes in der keltischen Religion und Kultur. Die Hauptgottheit aller keltischen Stämme, die über Mittel- und Westeuropa herrschten, war eine Pferdegottheit in Gestalt der meist Epona genannten „großen Stute“ oder „Mutter der Pferde“. Sie verkörperte, auf einer Stute wie auf einem Thron sitzend, Fruchtbarkeit und Macht zugleich.

Letztlich stationierten die Römer ihre Legionen bis an die Grenze zu Schottland, den um 130 n. Chr. erbauten Hadrianswall. Verschiedene Pferdetypen kamen ins Land, da die römischen Reitertruppen aus den unterschiedlichsten Ecken des Imperium Romanum stammten. Da sich die Truppen mit der heimischen Bevölkerung vermischten und auch intensiven Handel trieben, blieb ein Einfluss ihrer Pferde auf die örtlichen Zuchten sicher nicht aus. Dies mag in einigen Gebieten vermehrt der Fall gewesen sein, in anderen, abgelegenen Regionen weniger. Im Westen der Hauptinsel, also in Devon und Cornwall, aber auch in Wales und vor allem in Irland war der Einfluss des durch Händler, Einwanderer und Soldaten importierten Fremdblutes vermutlich gering. Dort konnte sich das keltische Pferdchen, das seinerseits etwas orientalisches Blut führte, neben dem heimischen Urpony relativ lange halten. Grabungsfunde zeigen, dass es während der keltischen Periode vornehmlich Ponys von höchstens 125 cm Stockmaß gab; während der römischen Periode gab es neben diesen auch Pferde von rund 140 bis 150 cm Stockmaß, und während der germanischen Periode war das durchschnittliche Hauspferd ca. 135 cm groß.

Beginnend mit dem Überfall der Wikinger auf das Kloster Lindisfarne im Jahre 793 erfolgten nun zahlreiche Raubzüge der nordischen Seefahrer auf die britischen Inseln. Vorerst kam es zu Plünderungen, später begannen die Wikinger in England und Irland zu siedeln und gründeten zahlreiche Siedlungen. Sie trieben intensiven Handel zwischen Skandinavien und den Inseln, ließen sich auch auf den Shetland-Inseln, Orkney und Island nieder und verbanden ihre Stützpunkte mit Seehandelsrouten. Das mag zur Verbreitung von ursprünglich skandinavischen Pferden in allen diesen Gebieten geführt haben, wobei man natürlich nicht an ein Einbahn-System denken darf – wahrscheinlich gelangten auch englische Pferde oder Ponys nach Skandinavien und Island. Bis heute sind gewisse Ähnlichkeiten zwischen manchen britischen und skandinavischen Rassen zu bemerken, etwa bei den Döle-Pferden und den Dales und Fell Ponys.

Schließlich kam es mit der Unterwerfung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm (William the Conqueror) im Jahre 1066 zu einer Zäsur. Damals begann die erneute und verstärkte Einfuhr spanischer Pferde, die sich während der Kreuzzüge und vor allem durch die Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela fortsetzte. Die relativ großen und damit kostspieligen Streitrösser blieben jedoch dem Adel, der Ritterschaft, vorbehalten.

Während all dieser Jahrhunderte blieben die englischen „Wildpferde“ in ihren unzugänglichen Weidegebieten und in den riesigen königlichen Jagdforsten noch weitgehend unvermischt und unbehelligt. Wenn auch immer wieder fremde Einflüsse in die ursprünglichen Populationen gelangten, so blieben diese wahrscheinlich zahlenmäßig gering und genetisch ziemlich unbedeutend. Das Landpferd blieb – mit wenigen Ausnahmen – ein mehr oder weniger urwüchsiges Pony.

In vielen Quellen wird berichtet, dass König Heinrich VIII. (Henry VIII, 1491-1547) die Ausmerzung aller kleinen Pferde befahl, weil er selbst ein hünenhafter Mann war. Studiert man die betreffenden Gesetze etwas genauer, so wird klar, dass Heinrich zwar die Zucht von großen Pferden fördern wollte, es jedoch keineswegs zu einem Blutbad unter den Ponys kam. In Kurzform wurde Folgendes angeordnet:

- Die Besitzer von umzäunten Hirschgattern mussten, je nach Größe des Geheges, eine bestimmte Anzahl von Zuchtstuten über 132 cm Stockmaß darin halten und durften diese Stuten nur mit Hengsten über 142 cm Stockmaß decken. Ausnahmen waren die Moore von Westmorland, Cumberland, Northumberland und Durham, sowie alle Gehege, in denen Stadtbürger der Umgebung Weiderechte hatten.

- Jeder Herzog oder Erzbischof musste sieben Hengste des Reitschlages von mindestens 142 cm Stockmaß halten, jeder Graf oder Bischof deren fünf, jeder Baron drei usw. Jeder Bürger, dessen Frau ein Seidenkleid, eine französische Haube oder eine Samtkappe trug oder deren Kleidung goldbestickt war, musste einen solchen Hengst halten. Alle diese Hengste waren im Kriegsfall der Zwangsremontierung unterworfen.

- Auf allen Almenden und Hutweiden etc. durften nur Hengste von mehr als 152 cm Stockmaß zur Zucht verwendet werden, allerdings waren zahlreiche Gebiete davon ausgenommen, weil man wusste, dass dort keine großen Pferde gedeihen würden. Heinrichs Tochter Elizabeth I (1533-1603, regierte ab 1558) schwächte diese Verordnung noch weiter ab und reduzierte die Mindestgröße auf 132 cm.

- Die jährlichen Auftriebe der frei lebenden Pferde (Ponys) mussten dazu genützt werden, unter der Aufsicht der örtlichen „Treiber“ alle schwachen, zuchtuntauglichen oder offensichtlich unbrauchbaren Tiere zu töten, ohne Rücksicht auf deren Größe.


Hier muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden, der sich durch die Geschichten einiger britischer Rassen zieht, nämlich der Veredelung von Ponys durch spanische Hengste, welche von Schiffen der Großen Armada (Seekrieg unter Königin Elizabeth I. von England und König Philip von Spanien, 1588) an Land schwammen. Es ist recht schwer, an diese Geschichte zu glauben, wenn auch verschiedene Aussagen und Zeugnisse darauf hindeuten. Die Seeschlachten zu Beginn der spanischen Expedition, die Stürme und besonders die Wasserknappheit an Bord der Schiffe dürften jenen Pferden, die mitgeführt wurden, wohl schon recht früh den Garaus gemacht haben. Noch bevor man die Inseln nördlich Schottlands umrundete, gab Admiral Graf Medina Sidonia den Befehl, alle übrigen Pferde und Maultiere über Bord zu werfen. Sollten tatsächlich einige bis zum Landfall an den schottischen und irischen Westküsten überlebt haben, so erhebt sich wieder die Frage, ob man sie danach am Leben ließ, und ob die heimische Bevölkerung sie überhaupt ernähren konnte und wollte. Ein Überleben einzelner Tiere in freier Wildbahn war vermutlich möglich, eine durchgreifende Vermehrung ist jedoch unwahrscheinlich. Allerdings gab es zwischen etwa dem 16. und dem 19. Jh. wiederholte Importe von spanischen Zuchtpferden, vor allem in Schottland und Irland, die sehr wohl auf die lokalen Zuchten einwirken konnten.

Erst relativ spät und langsam wandelte sich das Bild der relativ einheitlichen Ponys der Wildbahnen und ländlichen Gebiete zu dem der heutigen Rassen. Vor allem die diversen Verwendungszwecke formten, zusammen mit der für das 19. Jh. typischen viktorianischen Neigung zum züchterischen Experiment – das heißt zu allerhand Verkreuzungen – die modernen Rassen. Der Adel und die wohlhabenden Landbesitzer entwickelten ein Interesse an der Tierzucht, das sich auch auf die lokalen Pferderassen erstreckte. Zudem war der militärische und industrielle Bedarf an Pferdematerial jeglicher Art groß, denn ganz Europa war ja beinahe ständig in irgendwelche Kriege verwickelt, während die Wirtschaft blühte. Die Armeen und zunehmend auch die Industrie hatten einen ständigen Bedarf an Nutzpferden, den man zumindest teilweise aus den heimischen Rassen decken konnte.

Der enorme Bedarf an Grubenponys für die anwachsende Bergbauindustrie forderte seinen Zoll, denn viele kleine Ponys verschwanden als Arbeitstiere in den Schächten der Kohlenminen. Gegen Ende des 19. Jh. erlangten besonders die größeren Ponyrassen durch das Aufkommen des Polosportes neue Bedeutung. Dieser war 1869 vom Regiment der 10th Hussars aus Indien mitgebracht worden und erfreute sich bald großer Beliebtheit. Zwischen 1890 und 1924 wurden nahezu alle relevanten Zuchtbücher gegründet und damit die eigentliche Planzucht innerhalb der Rassen begonnen. Bis zur endgültigen Schließung der Zuchtbücher und dem Abwenden von allen Einkreuzungen verging allerdings noch einige Zeit; von einer Reinzucht kann daher in einigen Fällen erst seit wenigen Jahrzehnten gesprochen werden. In der Zeit des Wirtschaftswunders begann der erneute Siegeszug des Pferdes als Sportpartner; auf den Inseln blieben die Ponys davon nicht ausgeschlossen ...
 

British Miniature Horse, British Riding Pony, British Spotted Pony, Connemara Pony
Dales & Fell Ponies, Dartmoor Pony, Eriskay Pony, Exmoor Pony
Hackney Pony, Highland Pony, Kerry Bog Pony, Lundy Pony
New Forest Pony, Shetland Pony, Tinker, Welsh A – D